Als die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen waren, versuchten manche alternative Zirkel, sich in wachsendem Maß an die wilden Sechzigerjahre zu erinnern. Wer war denn bei den „Roaring Sixties“ tatsächlich dabei gewesen? Ein Sponti-Spruch bringt Interessierte auf die Spur: „Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben.“ Was hat dieses soziale Umfeld ausgezeichnet? Der britische Popstar Ian Dury fasste es 1977 in seinem größten Hit pointiert zusammen: „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“! Allerlei Arten gläubiger Gemeinden der Gegenkultur wandten sich in oft spielerischer Weise gegen das, was sie als Establishment bezeichneten.

Inzwischen sind viele aus dieser ausgelassenen, einst jungen Generation selbst etabliert, Eltern oder Großeltern, jenseits der eigenen wunderbaren Jahre und vielleicht auch schon ein wenig vergesslich. Als Erinnerungshilfe haben wir diesen Frühling beim Klangraum Waidhofen ein weitgefasstes Programm zusammengestellt, für jene vor allem, die sich für immer jung fühlen. Unter dem Motto „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“ bieten wir von Mitte April bis Anfang Juni eine Wundertüte an, mit Künstlerinnen und Künstlern, die diesem Generalthema eine fantastische Vielfalt verleihen. Nein, auf das magische Jahr ’68 wollen wir uns keinesfalls beschränken, wir suchen das Rebellische der Neunzigerjahre, streifen das Abgründige des viktorianischen Zeitalters, gehen zurück bis in den Herbst des Mittelalters, schauen im exzessiven Berlin der Zwanzigerjahre vorbei, um uns dann mit einem US-Autor zu beschäftigen, für den fast jedes Jahrzehnt im vorigen Jahrhundert zum Brüllen tragikomisch-exzessiv war.

Der Klangraum Waidhofen eröffnet am 17. April (19:30 Uhr im Kristallsaal von Schloss Rothschild) mit „Alice im Wunderland“. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Gerti Drassl wird uns dieses weltliterarische Werk von Charles Dodgson alias Lewis Carroll erschließen, musikalisch begleitet von Maddalena del Gobbo auf der Gambe und Ewald Donhoffer auf dem Cembalo. Sie spielen Werke von Marin Marais, Carl Friedrich Abel und Antoine Forquerai. Was aber hat die zehn Jahre alte Alice mit Sex und Drogen und Rockmusik zu tun? Das kam so: Dodgson unternahm mit Alice Liddell, der Tochter des Deans von Christchurch, ihren Schwestern und einem Freund eine Kahnfahrt auf der Themse. Er erzählte den Kindern eine Geschichte. Alice bat ihn, diese Story aufzuschreiben. Das tat er. Dieses Buch und der Folgeband „Alice hinter den Spiegeln“ wurde derart wunderlicher Nonsens, dass sich manche Passagen wie im LSD-Trip verfasst lesen. Jenes Wunderland, in das Alice mit einem irren Kaninchen nach einem tiefen Fall gerät, begeistert Kinder und auch Logiker, aber harmlos ist es nicht, so wenig wie die Beziehungen des sonderlichen Gelehrten, die zu bösen Spekulationen Anlass gaben. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie sorgfältig am besten das Gesamtwerk von Lewis Carroll oder fragen ihren Literaturwissenschaftler, Arzt oder Psychologen. Wie endet die Geschichte? Rasant. Das Mädchen wird geweckt: „So Alice got up and ran off, thinking while she ran, as well she might, what a wonderful dream it had been.“ Und schon beginnt der nächste Traum, Tagtraum oder Alptraum.

Am 3. Mai wird der Stoff, aus dem die Träume sind, musikalisch und anhand eines wirklichen Lebens variiert, das vor 32 Jahren in Seattle abrupt und gewaltsam endete. Drogenexzess? Mord? Selbstmord? Im Kristallsaal (18:00 Uhr) wird Kurt Cobain gedacht, des tollen Leaders der Band Nirvana, die den Grunge-Rock pflegte: „Smells like teen spirit“ lautet das Motto an diesem Abend. So hieß der populärste Song der Gruppe aus dem US-Bundesstaat Washington auf dem Album „Nevermind“ von 1991. „Jung, berühmt, tot“ lautet der Nachsatz zu unserem Motto. Cobain gehört nämlich zu jenen unsterblichen Rockmusikern, die mit 27 Jahren das Zeitliche segneten. Eine Ahnung davon gibt es in einem der Songs von Nirvana: „Baby you’re going down in the dark. Show my lonely night is fallen. I don’t have very long.“ Zu diesem makabren „Klub 27“ zählen Brian Jones († 1969), Jimi Hendrix († 1970), Janis Joplin († 1970), Jim Morrison († 1971) und Amy Winehouse († 2011). Echte Fans sagen bis heute natürlich: „Nein, sie sind nicht tot! Kurt Cobain aber sagte: “It’s better to burn out than to fade away.” Der phänomenale Burgschauspieler Max Simonischek wird dafür sorgen, dass die Erinnerung an Nirvana nicht verblasst, Violinvirtuose Simon Frick holt Nirvana mit seiner Electric Violin ins 21. Jahrhundert.

Die Kerzen an beiden Enden angebrannt hat auch eine Symbolfigur aus dem Spätmittelalter. Der „Jedermann“ ist kein Biedermann und auch kein Brandstifter, sondern ganz im Geist der Neuzeit stets berechnend. Sein Schicksal sollte die Gläubigen vor den Gefahren des Reichtums und vor anderen Maßlosigkeiten warnen. Am 25. Mai (18:00 Uhr) ist Philipp Hochmair im Plenkersaal zu Gast. Seit vielen Jahren hat dieser wunderbare Darsteller die Rolle des reichen Mannes verinnerlicht, für den es ans Sterben geht und der mit Unterstützung aller nur denkbaren guten Geister und einer Portion Glück angeblich nicht vom Teufel geholt wird. Wie schnell das Glück sich wenden kann, wird in dem Stück in einem Satz von Jedermann persönlich ausgedrückt, als er die Tischgesellschaft begrüßt: „Seid allesamt willkommen sehr, / Erweist mir heut die letzte Ehr.“ Davon wird sich so mancher Zuschauer angesprochen fühlen, der sich noch mitten im Leben wähnt. Seit dem Sommer 2024 verkörpert Hochmair bei den Salzburger Festspielen die Titelrolle in Hugo von Hofmannsthals Stück. Aus einem alten Mysterienspiel hat der Dichter des Fin de Siècle den barock-dekadenten Dauerbrenner auf dem Domplatz gemacht. An der Ybbs ist „Jedermann Reloaded 2.0“ zu hören und zu sehen (Musik, Sounds und Lichtdesign von Kurt Razelli sowie Hanns Clasen).

Wem Oxford, Seattle oder Salzburg noch zu wenig surreal, ausgeflippt oder mysteriös waren, der sollte am 28. Mai zum Festival in Waidhofen kommen. Um 19:30 Uhr beginnt dort im Kristallsaal der „Tanz auf dem Vulkan“. So wird metaphorisch eine riskante Ahnungslosigkeit bezeichnet. So lautete auch der Titel eines deutschen Kostümfilms von 1938, der damals wohl die grauenhafte Gegenwart der Nazizeit verdrängen helfen sollte. Er spielt im Theatermilieu von Paris vor 1830, der Vormärz zeichnet sich bereits ab, mit revolutionärem Widerstand gegen Frankreichs Monarchie. Gustav Gründgens gab in dem Film einen Schauspielstar, der mit seinem gegen das herrschende System gerichteten Spott glänzte. Gemeint war mit der explosiven Stimmung wahrscheinlich das Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Im Klangraum wird Mechthild Großmann Werke von Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky und Else Lasker-Schüler interpretieren. Musik gibt es von Paul Hindemith und Kurt Weill, Gottlieb Wallisch begleitet auf dem Klavier. Tanz ist für Großmann auch ganz ohne Vulkan ein Lebenselixier. Diese vielseitige Künstlerin war mehr als 40 Jahre lang prägendes Mitglied des Tanztheaters Pina Bausch in Wuppertal, sie war auch im Sprechtheater ein Star und als Sprecherin von Hörbüchern sowie Hörspielen. Die meisten Fans hatte sie aber bisher im Fernsehen, als Staatsanwältin Klemm in der „Tatort“-Reihe aus Münster.

Haben wir bei „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“ noch ein Laster ausgelassen? Am 4. Juni (19:30 Uhr, Kristallsaal) werden etwaige Defizite beseitigt. Da geht es um den Prototypen eines „Dirty Old Man“ – Burg-Star Stefanie Reinsperger wird uns „Das Leben von Charles Bukowski“ nahebringen. Die tückische Droge, die ihm neben dem Dichten am meisten zu schaffen machte, war der Alkohol. Nach beiden war Henry Charles Bukowski Junior (1920–1994) süchtig. Mehr als 40 Bücher hat er veröffentlicht, seine Lesungen daraus waren legendär. Seine Prosa: prägnant, humorvoll, obszön. Er erzählt von Außenseitern, von der Unterschicht in den Vereinigten Staaten, und er scheut keinen Schock. Hat er das alles auch selbst erlebt? Man würde es ihm zutrauen, dass er einer dieser schmuddeligen alten Männer war, die kein Tabu kannten in ihrem Zynismus. Was treibt sie an? Der Titel zu einer Sammlung von Short Storys aus dem Jahre 1972 gibt Hinweise: „Erections, Ejaculations, Exhibitions, and General Tales of Ordinary Madness“. Bukowskis Poesie aber, scheinbar simpel, ist von einer rührenden Traurigkeit. Unter all dem Hässlichen schimmert immer auch Schönheit durch – oder wenigstens die Sehnsucht nach ihr.

Genug an Exzess? Nein! Zum Ausklang bieten wir aufregende Musik. Am 7. Juni (11:00 Uhr) tritt im Kristallsaal der Pianist Kiron Atom Tellian auf. 2002 in Wien geboren, wurde der Hochbegabte bereits mit sieben Jahren an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (MDW) aufgenommen. Er hat bereits mehrere internationale Wettbewerbe gewonnen, zählt längst zu den Stars seiner Generation. Sie werden bei der Matinee garantiert erleben: Scriabin, Chopin, Schumann und Rock ’n’ Roll haben mehr gemein, als manche zugeben wollen.

Ich freue mich auf Ihren Besuch!
Ihr Thomas Bieber

Klangraum Waidhofen

Für viele Klassikliebhaber hat sich der Klangraum Waidhofen zu einem der arriviertesten Kammermusikfestivals Österreichs entwickelt.

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